Jagdstrategie:
Auf der Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Wald und Wild

Seit 1998 verfolgen wir in den Revieren in Falkenberg und Demnitz-Ost eine Jagdstrategie mit dem Ziel, eine waldverträgliche Wilddichte herzustellen, d.h. Waldumbau und –verjüngung ohne Zaunschutz zu ermöglichen. Sie bestand – in Anlehnung an die jagdpraktischen Empfehlungen von Stubbe - im Wesentlichen darin, den Rehwildabschuss solange schrittweise zu erhöhen, bis das gesetzte Ziel erreicht ist. Dies erfolgte sowohl durch eine Intensivierung der Einzeljagd und als auch durch verstärkte Bewegungsjagden im Herbst/Winter. Die bisherigen Erfahrungen waren:

  • Die Bodenvegetation im Wald (sowohl die Kraut- und Strauchvegetation als auch die Naturverjüngung der Laubholzarten) hat sich stärker entwickelt als erwartet – auch als Folge des höheren Lichtangebots nach einer relativ starken Durchforstung der Kiefernbestände. Dadurch und durch den Abbau der Zäune hat sich sowohl die Deckung für das Wild als auch das Äsungsangebot im Wald erheblich verbessert. Der Verbissdruck auf die Waldverjüngung ist entsprechend zurückgegangen.
  • Ebenso sind die Jagdstrecken bei Rehwild stärker als erwartet gestiegen, und zwar von vier Rehen/100 ha in den Jahren 1992-1997 auf jeweils zehn in den Jahren 2003 bis 2005 und 6,9 im Jagdjahr 2006/07. Dieser Rückgang war nicht nur aus einer möglichen Verminderung des Rehwildbestandes sondern vor allem dadurch zu erklären, dass die hohe Jagdintensität der Vorjahre aus persönlichen Gründen nicht aufrechterhalten werden konnte. Dazu kam, dass die gute Eichelmast und der milde Winter die Einzeljagd erschwerte, was auch im übrigen Landkreis zu einem Rückgang der Strecken führte. In den Jagdjahren 2007/08 und 2008/09 wurden mit Strecken von 131 Rehen (=11/100 ha) und 141 Rehen (= 11,9/100 ha) neue Höchststände erreicht. Im Jagdjahr 2009/10 ging die Strecke wieder auf 100 Rehe (= 8,5/100 ha) zurück - hauptsächlich dadurch bedingt, dass infolge des schneereichen Winters und Festlegung einer Notzeit die geplante dritte Drückjagd im Januar nicht mehr durchgeführt werden konnte. 2010/11 konnte nur eine Drückjagd stattfinden, was zu einem weiteren Streckenrückgang, insbesondere bei weiblichen Rehen führte.

Insgesamt zeigen die bisherigen Erfahrungen, dass bei einer konsequenten Jagdstrategie sowohl eine Verbesserung des Waldzustandes als auch eine nachhaltige Erhöhung der Jagdstrecken möglich ist, weil

  • die natürliche Mortalität des Wildes sinkt,
  • der jagdliche Anteil an der Mortalität des Wildes sich erhöht,
  • die Reproduktionsrate des verbleibenden Wildbestandes ansteigt  und
  • Zuwanderung aus den mit Rehwild überbesetzten, äsungsärmeren Nachbarrevieren erfolgt – ein Effekt, der bei der Größe des Reviers wegen des ausgeprägten Territorialverhaltens des Rehwildes allerdings nicht sehr groß sein dürfte.

Diese Erfahrungen stehen in Einklang mit populationstheoretischen Überlegungen (v. Berg/Ruff, 1983). Aufgrund der unerwartet starken Erhöhung der Äsungskapazität dürfte die waldverträgliche Wilddichte höher sein als ursprünglich erwartet - möglicherweise sogar höher als in der Ausgangssituation, die durch eine chronische „Überweidung“ des Waldes durch das Schalenwild und dementsprechende Äsungsarmut gekennzeichnet war.

Allerdings wird die Bejagung in dieser neuen Situation schwieriger, weil das Wild wegen der Verbesserung der Äsung und Deckung im Wald und wegen des erhöhten Jagddruckes seltener bei Büchsenlicht auf die Freiflächen austritt und weil das Wild auf den Bewegungsjagden im Wald wegen der besseren Deckung schwerer hochzubringen ist und die Sichtverhältnisse schlechter geworden sind, was wiederum eine Erhöhung der Bejagungsintensität und eine Ausdehnung der Bejagung bis in die Wintermonate erforderlich macht. In unseren Revieren jagen - bezogen auf die Jagdfläche - doppelt so viele Jäger wie im Landesdurchschnitt, die etwa zwei- bis dreimal soviel Schalenwild (Rehe, Sauen, Rot- und Damwild) erlegen wie im Landesdurchschnitt. Sie müssen nicht nur den Wildschaden im Wald, sondern auch den in der Landwirtschaft verhüten. Der hiermit verbundene hohe Jagddruck ist auf die Dauer weder aufrechtzuerhalten, noch jagdbiologisch sinnvoll und jagdethisch vertretbar. Deshalb muss ein zunehmender Anteil des (weiblichen) Rehwildes und der Kitze auf den weniger störungsintensiven Bewegungsjagden im Herbst/Winter erlegt werden. Diese sind zu diesem Zweck effizienter zu gestalten, um im Ergebnis eine waldverträgliche Wilddichte dauerhaft zu erreichen und zugleich die Jagdzeiten verkürzen und dem Wild mehr Jagdruhe gewähren zu können.

Bewegungsjagden in Falkenberg - eine Zwischenbilanz (1.3.2014)

Die Rehe der Nachbarn? (31.3.2012): Welchen Einfluss haben die hohen Rehwildstrecken auf die Nachbarreviere?

Mehr zum Thema "Wald und Wild" findet sich auf der Seite "Aufsätze und Vorträge von Reimar v. Alvensleben"